Deutsche Winterreise

»Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus«

Wer kennt sie, diese ersten Verse Wilhelm Müllers, wer das zugehörige Pianospiel Franz Schuberts? Wer lauschte der Winterreise von 1827, den düsteren Eindrücken des zerrissenen Wanderers, der verlassen durch die Welt schwankt, vom höchsten Hoch ins tiefste Tief schlittert und schließlich in all seiner Einsamkeit feststellt, wie erkaltet er ist…? 24 Lieder, 24 Fragmente, 24 Möglichkeiten, das Alte zu verjüngen. Und so zog der Autor Stefan Weiller von 2008 bis 2018 durch die Städte, traf die Ausgegrenzten, die Sozialhilfeempfänger, die Geflüchteten, die Obdachlosen, verwob ihre Geschichten mit den jetzt-Gedichten, lud fünf herausragende SprecherInnen zur Lesung, untermalte die Stille mit Schuberts Pianoklängen und stach mir in dieser wunderschönen Neuinterpretation ein ums andere Mal ins Herz.

»Dann war es wie im Film. Ich wurde überfallen und mein Rucksack war weg. Vorher hatte ich nichts. Jetzt hatte ich gar nichts. Ich ahnte früher nicht, wie viele Stufen des Verlustes es geben kann. Ich dachte: Tiefer geht es nicht. Bis zur ersten Nacht auf einer Parkbank.«

Weillers Bruchstücke umrahmen die alten Verse beinahe nahtlos, teilen und ergänzen sie, ohne die Identität des Originals zu verfälschen. Es kommt einem beinahe so vor, als gehörten sie zusammen, Texte und Gedichte, als hätte es von Anfang an so sein sollen, was ohne Frage auf die fabulöse (endlich mal ein Titel, bei dem dieses Wort angebracht erscheint) Leistung der SprecherInnen Jens Harzer, Eva Mattes, Wolfram Koch, Birgitta Assheuer und Helmut Krauss zurückzuführen ist. Satz für Satz, mit großer Liebe sowohl zum Detail wie dem Gesamtwerk werden die Schicksale, die Gedanken, die Ängste, manchmal nur Sätze neben und übereinander arrangiert, fließen ineinander, werden zum Kunstwerk mit der Musik, wanken mit ihr, hart, weich, hoffnungslos, getrieben, klar, Atem schöpfend, und entwickeln einen Sog, ein weiter und fort, wie der Wanderer in Schuberts Winterreise dazu verdammt ist, immer weiter zu gehen.

»Aber du zitterst vor Entzug, du brauchst deinen Schnaps, damit der Kreislauf nicht zusammenbricht, ein Brötchen hilft da nichts. Ein Entzug mal eben so auf der Straße, so läuft das nun mal nicht.«

Zusammenhangslos prallen die Bruchstücke aufeinander. Freunde wenden sich ab, du ziehst in eine andere Stadt, die Familie soll nicht erfahren, was aus dir geworden ist. Aber dich sucht ohnehin niemand. Dich vermisst niemand. Auf Google Earth zoomst du in dein altes Leben, hast dich aufgegeben nach dem Tod deiner Frau. Wirst zu Wohnungsbesichtigungen geladen dank deiner Callcenterstimme, sehen, wenden sich ab. Immer ab. Die Frau im Bus dreht den Kinderwagen, weil du dem Kind Grimassen schneidest. Dabei hat es gelächelt. »Und vielleicht wirst du es machen wie ich und dich zwischen zwei Bäume stellen, damit sie dich wärmen, wie es Menschen nicht mehr tun.« Scham. Im Supermarkt: Mama, der Mann stinkt! Und dann duzen sie dich. Das tut am meisten weh. Du schämst dich für den Traum von einer öffentlichen Toilette, für die Freude über die überreife Erdbeere, die andere verschmähen. »Ich lebe von den Resten. Ich bin der Rest dessen, was sie nicht haben wollen.« Ein guter Tag ist, nicht erschlagen zu werden, ein guter Tag ist ein Tag ohne Regen. Dein größter Wunsch? Einmal ausschlafen. Aber auf der Straße brauchst du einen Wecker, sonst sind sie vor dir da. »Luxus sind 20 Euro am Ende des Monats, also völlig utopisch.« Und dann der Gedanke und immer wieder der Gedanke: Suizid ist doch eine Lösung.

»Wissen Sie, was das Beste ist? Es ist nicht mehr wichtig, geliebt zu werden. Das habe ich alles hinter mir.«

Düster, kalt, menschlich, ehrlich, einzigartig in seiner hypnotischen Wirkung ist Stefan Weillers »Deutsche Winterreise«. Und ich sage: Hört sie euch an. Verschenkt sie. Lehrt sie. Solche Produktionen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Danke! → Hörprobe

Vielen Dank an den Verlag für die Empfehlung und Zusendung eines Rezensionsexemplars! 

Franz Schubert/Wilhelm Müller/Stefan Weiller | Deutsche Winterreise | Gelesen von Eva Mattes, Jens Harzer, Wolfram Koch, Helmut Krauss und Birgitta Assheuer | speak low | 80 Minuten | 16,00 € | ISBN: 978-3-940018-56-4

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